Die Schweiz soll in Zukunft auf Strom aus Kernkraftwerken verzichten – wenn es nach Bundesrat und Parlament geht schrittweise bis etwa 2045, wenn Ende November die Atomausstiegsinitiative angenommen wird sogar schon spätestens 2029. Wie der wegfallende Strom ersetzt wird, ist in beiden Fällen noch nicht abschliessend geklärt. Die Energiestrategie 2050 sieht drastisches Stromsparen und einen massiven Ausbau der erneuerbaren Energien vor. Bei einem überstürzten Ausstieg im Sinne der Initiative bräuchten wir viel schneller Ersatz für die jährlich rund 25 Terrawattstunden Strom aus den Schweizer Kernkraftwerken. In beiden Fällen sind höhere Stromimporte oder neu zu bauende Gaskraftwerke wahrscheinlich. Beides hätte negativen Einfluss auf die Umweltfreundlichkeit unserer Stromversorgung. Und da haben wir viel zu verlieren.

Die Schweiz lag nämlich 2015 zum fünf­ten Mal in Folge auf dem ersten Platz im «Energy Trilemma Index» des Weltenergierates, einer weltumspannenden Nicht-Regierungs-Organisation. Für den Energie­index wird jeweils die Energieversorgung eines Landes anhand von Kriterien wie Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit, Energieeffizienz, Umwelt- und Klimabelastung bewertet. Ihren 1. Rang verdankt die Schweiz nicht zuletzt dem heutigen Strommix.

Die saubersten Technologien
Der in der Schweiz produzierte Strom stammt hauptsächlich aus Kernenergie und Wasserkraft. Die Kernkraftwerke liefern knapp 40 %, Speicherkraftwerke rund 30 % und Flusskraftwerke etwa 25 %. Der restliche Strom kommt grösstenteils aus Kehrichtverbrennungsanlagen und neuen erneuerbaren Energien. Damit setzt die Schweiz auf die saubersten Technologien zur Stromerzeugung. Dies belegen Berechnungen des Paul Scherrer Instituts (PSI) zu den Treibhausgasemissionen verschie­dener Energieträger während ihrem ganzen Lebenszyklus.

Diese Bilanz umfasst alle Schritte der Produktionskette: Bau, Betrieb und Stilllegung der Kernkraftwerke, Abbau und Anreicherung des Urans wie auch Klimagasemissionen bei der Entsorgung der radioaktiven Abfälle. Der Uranabbau in Minen belastet die CO2-Bilanz nur wenig. Dem Vergleich mit den fossilen Energieträgern hält die Kernenergie ohnehin stand: Würden wir heute den Strom aus den Schweizer Kernkraftwerken in modernen Gaskombikraftwerken erzeugen, würde die Luft zusätzlich mit so viel CO2 belastet, wie alle Autos in der Schweiz zusammen ausstossen.

Kernenergie hat viele Vorteile
Die Kernenergie zeichnet sich ausserdem durch einen geringen Ressourcenverbrauch und Platzbedarf sowie eine hohe Versorgungssicherheit aus. Unser Strommix schont die Umwelt, erzeugt kaum CO2 und ist zuverlässiger als Strom aus Wind- oder Solaranlagen. Im Vergleich zu den meisten unserer Nachbarländer stammt der Schweizer Strom schon heute fast komplett aus erneuerbarer Energie und sauberem Nuklearstrom. Im kernkraftfreien Österreich dagegen wird rund ein Viertel des Stroms aus Erdgas, Erdöl und Kohle erzeugt; in Deutschland sind es fast 60 %, in Italien gut 70 %. Frankreich hingegen hat dank der Kernenergie einen ähnlich klimafreundlichen Strommix wie die Schweiz. Entsprechend würde sich die Umweltbilanz unserer Stromversorgung bei steigenden Importen verschlechtern.

Förderung von «Clean Energy»
Während einzelne Länder wie die Schweiz oder Deutschland zum Teil ideologisch geprägte Debatten über die Produktion ihrer Elektrizität führen, anerkennen andere die beschriebenen Vorzüge der Kernenergie. Für diese Staaten ist die Kernenergie nicht das Problem, sondern Teil der Lösung der Stromversorgungs- und Klimaproblematik. Zu diesen Ländern zählen unter anderen die USA, Grossbritannien, China, Russland oder Indien. Auch der Weltklimarat der Uno fordert die Umstellung der weltweiten Energieproduktion auf möglichst CO2-arme Technologien und nennt dabei die Kernenergie ausdrücklich als Option.

Die britische Regierung, die sich kürzlich zum ersten KKW-Neubau seit einer Generation bekannt hat, betrachtet Kernkraftwerke ausdrücklich als wichtige ­Technologie zur Reduktion der Treibhausgasemissionen in der Energieversorgung. Der Ausbau der Kernenergie soll den Verzicht auf Kohlekraftwerke erleichtern und mit dem Ausbau der erneuerbaren Stromquellen einhergehen. Die Kernenergie wird in Grossbritannien ebenso wie die Erneuerbaren mit einem garantierten Strompreis gefördert. Zusammen mit Windstrom aus Onshore-Anlagen zählt sie dabei zu den günstigsten von der Regierung ge­förderten «Clean Energies». Auch in den USA kommen Fördermechanismen für sauberen Strom zur Anwendung. Der Staat New York zum Beispiel hat im August 2016 den «Clean Energy Standard» eingeführt. «Der Erhalt der emissionsfreien Kernenergie ist ein entscheidendes Element beim Erreichen unserer ehrgeizigen Klimaziele», sagte der New Yorker Gouverneur bei der Einführung.

Die Schweiz tut gut daran, sich die Option Kernenergie mit all ihren Vorteilen nicht leichtfertig zu verbauen. Ende November ist ein Nein zur Atomausstiegsinitiative die einzig vernünftige Antwort. Der überhastete Atomausstieg würde unsere bewährte, saubere Stromversorgung aufs Spiel setzen. 

www.nuklearforum.ch