Dies unter dem Aspekt, dass heute in der beruflichen Grundbildung ausserhalb von Grossfirmen keine eigentliche Talentförderung stattfindet. Konkret soll der «Campus Unternehmertum» mit einer zirka fünf Jahre dauernden Pilotphase 2016 starten.

Die Vision des Gewerbeverbandes Basel-Stadt für den Campus ist es, dass sich vermehrt leistungsstarke Jugendliche für eine Berufslehre entscheiden. Durch den Gedanken des Unternehmertums soll die Attraktivität der Berufslehre in der Gesellschaft steigen und somit die Motivation bei Jugendlichen, aber auch bei deren Eltern und den Lehrpersonen, sich für den dualen Weg zu entscheiden. Der Campus soll sich als Leuchtturmprojekt zur Anlaufstelle für eine individuelle Karriereplanung nach der beruflichen Grundbildung und somit zur Talentschmiede für zukünftige Unternehmer und Unternehmerinnen entwickeln.

Im Interview mit dem «Geschäftsführer» stellt Reto Baumgartner, für die Berufsbildung Verantwortlicher beim Gewerbeverband, das Campus-Projekt, für das er federführend tätig ist, vor.

«Geschäftsführer»: Weshalb braucht es einen «Campus Unternehmertum»?

Reto Baumgartner: Was im Spitzensport – zum Beispiel mit dem Campus-Projekt des FC Basel zur Förderung von Spitzentalenten – praktiziert wird, fehlt in der Berufsbildung noch weitgehend. Insbesondere gibt es Defizite in der Förderung von praxisorientiertem Führungs- und Unternehmer-Nachwuchs. Mit gezielter Betreuung vor, während und nach der Lehrzeit kann dies im Campus-Projekt gezielt verbessert werden. KMU mit weniger als 250 Mitarbeitenden, welche 99.7 Prozent aller Unternehmungen in der Schweiz ausmachen, haben in der Regel nicht die dazu nötigen Ressourcen – weder personell noch finanziell – sowie das entsprechende Know-how, womit der Berufsbildung viele gute Fachkräfte verloren gehen.

Welche Ziele verfolgt der «Campus Unternehmertum»?

Der «Campus Unternehmertum» verfolgt drei Hauptziele. Erstens die Gewinnung von leistungsstarken Schülerinnen und Schülern für die Berufslehre, zweitens den Aufbau zukünftiger Fachpersonen sowie Unternehmerinnen und Unternehmer und drittens die Steigerung der Direktübertrittsquote nach der obligatorischen Schulzeit.

Zu wenige Schüler ergreifen also nach ihrer Schulzeit direkt eine Lehre?

Gerade in Basel-Stadt geniesst die duale Ausbildung, insbesondere im handwerklichen Bereich, zu wenig Anerkennung. Deshalb entscheiden sich viele Jugendliche anstatt für eine praxisorientierte Lehre für weiterführende Schulen. Nur 17.9 Prozent der Jugendlichen in Basel-Stadt beginnen direkt nach der obligatorischen Schulzeit eine Lehre. Das ist schweizweit der mit Abstand tiefste Wert. Dadurch spitzt sich nicht nur der Mangel an gut ausgebildeten Berufsleuten zu, vor allem gehen auch Talente mit Führungsfähigkeiten verloren. Gerade für KMU, die zum Beispiel vor einer Nachfolgeregelung stehen, kann dies dramatische Folgen haben.

Wie dramatisch ist denn diese Entwicklung?

Bis 2018 stehen von den insgesamt 320’000 KMU der Schweiz rund 71’000, oder 22 Prozent, vor einem Eigentümerwechsel. Rund ein Drittel dieser Unternehmen kann allerdings nicht erfolgreich übertragen werden, weil sich die Inhaber nicht oder zu spät um die Nachfolge gekümmert haben. Laut einer Studie der BISNODE D & B SCHWEIZ AG gibt es übrigens den grössten Anteil an Unternehmungen mit einer potenziell offenen Nachfolge in der Nordwestschweiz. Über 14 Prozent der hier ansässigen KMU müssen ihre Nachfolge noch regeln. Wenn keine Nachfolgelösungen gefunden werden, bedeutet das in der Regel das Aus für die betroffenen Firmen. Wenn man davon ausgeht, dass rund ein Drittel der Unternehmen, welche in den nächsten drei, vier Jahren mit dieser Problematik konfrontiert sind, nicht erfolgreich an neue Eigentümer übertragen werden kann, gehen in der Schweiz mehr als 120’000 Arbeitsplätze verloren. Auch wenn Neugründungen und Firmenausbauten diesen Verlust nominell zum Teil wieder kompensieren, resultiert daraus ein enormer Verlust an Know-how und Steuereinnahmen. Umso wichtiger ist es deshalb, dass man Unternehmertalente frühzeitig erkennt und dementsprechend fördert beziehungsweise dem Unternehmertum, als Garanten für unseren Wohlstand, in der Grund- und Weiterbildung mehr Beachtung schenkt, ansonsten die Akademisierungsfalle zuschnappt.

Durch was zeichnen sich aber Unternehmer-Talente aus?

Wenn wir von Talenten in der Berufsbildung sprechen, dann meinen wir Lernende und junge Berufsleute, die sich durch ihre herausragende praktische Begabung, ihre schnelle Auffassungsgabe, gutes vernetztes Denken und Handeln sowie durch ihre ausgeprägten Persönlichkeitsmerkmale wie Stressresistenz und emotionale Stabilität, (Eigen-)Motivation und Lernwillen, Zuverlässigkeit und Sozialkompetenz auszeichnen.

Wie gestaltet sich der Prozess der Talentförderung im «Campus Unternehmertum»?

Im Rahmen des Projekts «Campus Unternehmertum» findet eine individuelle und fortlaufende Förderung und Begleitung der Talente in der Berufsbildung statt – unabhängig von sozialer Herkunft und dem jeweiligen Lehrberuf. Ab dem 2. Lehrjahr werden für die Lernenden, welche als Talente gelten, Campus-Module angeboten. Nach der Ausbildung sollen interessierte, motivierte und leistungsbereite Jugendliche an die Aufgabe als Unternehmer oder Unternehmerin herangeführt werden. Die gezielte und individuelle Betreuung vor, während sowie nach der Lehrzeit – auch unter Mitwirkung von Mentoren, welche selbst über Unternehmer-Erfahrung verfügen – sieht unter anderem Berufsinformationen, Lehrstellenvermittlung in ambitionierte Ausbildungsbetriebe und ergänzende Lehrinhalte wie Organisation, Führung, Finanzen und Kommunikation vor. Nicht fehlen dürfen natürlich die Hilfe bei Anschlusslösungen nach einem erfolgreichen Lehrabschluss sowie eine betriebsübergreifende Karriereplanung, inklusive möglicher Weiterbildungen.

Wer trägt «Campus Unternehmertum»?

Der Campus wird vom Gewerbeverband Basel-Stadt gemeinsam mit einem oder mehreren Partnern getragen. Unterstützung erhalten sie durch Unternehmen, verschiedene Alumni-Organisationen sowie Berufs- und Branchenverbände, welche im Campus ihre Talente in guten Händen wissen und den Campus tatkräftig unterstützen. Rund 25 Unternehmen haben bereits ihre Unterstützung für das Projekt angekündigt, und generell spüren wir grosses Interesse für das Projekt, das ganz offensichtlich eine Lücke in der gesamten Berufsbildung schliessen wird. Die ersten zwei Jahre sind bereits finanziell abgesichert, aber zunächst gilt es, Erfahrungen zu sammeln und auch ein langfristiges Finanzierungsmodell zu entwickeln. Der «Campus Unternehmertum» befindet sich an der Reinacherstrasse 105.