Lassen Sie uns zunächst einen Blick in die Geschichte werfen. Was machte das ursprüngliche Erfolgs­modell von Minergie Schweiz aus?
Minergie hatte immer schon den Mut, mit einigen Schritten vorauszugehen. Die Minergie-Verantwortlichen haben Lösungen vorgeschlagen, bei denen einige Experten sagten, das sei doch zu innovativ, da würde man dem Bürger, der ein Haus bauen will, zu viel zumuten. Ein Haus, das nur wenige Liter Erdöl im Jahr verbraucht, das sei doch pure Utopie, dachte man in den 90er-Jahren. Minergie hat aber immer wieder Modelle in den öffentlichen Raum gestellt, und die Baubranche hat nach wenigen Jahren festgestellt: Das geht doch! Dann haben die Gesetzgeber in erster Linie von kantonaler Seite nachgezogen. So kann man die letzten 20 Jahre zusammenfassen. 

Sie haben mit dem Dreiklang «Qualität, Komfort und Effizienz» das Thema aus der Öko-Nische herausgebracht. So würde ich es zusammenfassen.
Ja, das soll auch heute noch so sein. Das erste, schon erläuterte, Stichwort heisst Innovation, zweitens versetzen wir uns in die Rolle der Bauherren. Wir müssen dem Bauherrn immer einen Mehrwert bieten. Der Bauherr sollte am Ende genau wissen, warum er Minergie kauft. Klar, sind unsere Minergie-Fachpartner, die Bauindustrie oder die Kantone, der Bund und die Gemeinden auch wichtige Stakeholder. An erster Stelle steht aber immer der Bauherr. Drittens haben wir mit einer geschickten Marketingstrategie, heute würde man «Storytelling» dazu sagen, die Themen Qualität und Komfort transportiert.

Dann wurden Produkte wie Minergie P, Minergie A oder Minergie ECO entwickelt. Besteht da nicht die Gefahr einer Verwässerung des Markenkerns?
Nein. Wir haben vier Produkte, die sich einfach benennen lassen. Zuerst geht es um den einfachen Minergie-Standard, der sich an Bauherren richtet, die Qualität, Komfort und eine bessere Energiebilanz in den Fokus stellen. Dann haben wir den P-Standard. Diese Zielgruppe will eine perfekte Gebäudehülle. Bei Minergie A geht es um eine bestmögliche Energie- und Klimabilanz, auch dank Einsatz von Technik. Bei Minergie ECO liegt der Schwerpunkt auf den Baumaterialien. Die zentralen Stichworte heissen hier «graue Energie» und «Ökobilanz». Zudem geht es um eine optimale ­Innenluft, die frei von Schadstoffen wie Formaldehyde ist. Unser Markt ist ­segmentiert und dabei klar auf unterschiedliche Zielgruppen und deren Wünsche ausgerichtet. Man wird von uns aber nie eine Bewertung oder Hierarchisierungen der Produkte hören. 

Dann ist im letzten Jahr Minergie in seiner alten Form an Grenzen gestossen. Es hat einen Umbruch gegeben. Welche Stolpersteine lagen da im Weg? Lassen Sie mich einen Stolperstein aus meiner Sicht schon benennen. Die Energie-­Vorschriften der Kantone näherten sich den Minergie-­Vorgaben an. Damit droht der innovative Markenkern verloren zu gehen. Alltag lässt sich schlecht verkaufen. 
Die gesetzlichen Rahmenbedingungen plus technologische Veränderungen haben bei Minergie zu einem Umbruch geführt. Es stellt sich die Frage, wie und wo man vorangeht. Man hat die erwähnten drei Pfeiler Qualität, Komfort und Effizienz. Beim dritten Pfeiler stellt sich die Frage, wie wir hier weiterkommen. Wie haben uns Zeit für interne Diskussionen gelassen, können aber jetzt Leitlinien für eine neue Strategie präsentieren. 

Bevor wir hier konkreter werden, habe ich noch eine Frage. War es vielleicht ein Manko, nur die Gebäudehülle des einzelnen Hauses im Fokus zu haben und nicht über den Tellerrand hinaus, sprich auf das ganze Quartier, zu schauen?
Wir haben das Thema der Systemgrenzen intensiv diskutiert. Es geht tatsächlich darum, ob man nur das einzelne Gebäude ­anschauen oder ein ganzes Areal in den Fokus nehmen will. Gerade beim heutigen Trend in Richtung einer zunehmenden Bedeutung von Elektrizität und neuen Herausforderungen im Zeichen der Energie­wende. Denken Sie nur an die neuen dezentralen Speichersysteme. Dazu kommt die Frage, ob wir auch das Verhalten der Bewohner mit einbeziehen wollen. Es gibt aber bei Minergie inzwischen eine eindeutige Antwort: Wir bleiben da, wo wir sind. Es geht um eine maximale Qualität im Gebäude. Ein Quartier aus energetischen Gründen anzuschauen ist auf den ersten Blick sehr attraktiv. Bei einer Zertifizierung verliert man aber schnell den Überblick. Es sind zu viele Akteure mit zu vielen Interessen im Spiel. 

Kommen wir zum einzelnen Gebäude zurück. Wir überlassen es dann dem Einzelnen, wie er das Gebäude bewohnt. Wir zertifizieren die Gebäude ja auch meist im Vorfeld und wissen nicht, wer dort mit ­welchem energetischen Verhalten einzieht. Es ist ja schon ein Unterschied, ob eine ­Familie mit mehreren Kleinkindern einzieht oder ein Ehepaar.

Sonst kommt ja auch schnell der pädagogische Zeigefinger, den Sie lieber nicht erheben wollen?
Da gibt es eine klare Antwort: Die Eigenverantwortung steht bei uns immer im Mittelpunkt. 

Heute gibt es aber immer mehr neue Zertifizierungswege. Inwieweit kommen hier andere Labels, wie das der Kantone, zum Beispiel GEAK, in den Rahmen von Minergie, oder ist es umgekehrt?
Wir arbeiten mit anderen Instrumenten wie dem GEAK vermehrt zusammen. Das ist richtig. Der GEAK ist beispielsweise ein gutes Instrument in der Sanierung, um die Energieeffizienz im Bestand zu erhöhen …

… Das ist ja ein wichtiges Thema, da bei Neubauten die Situation im Gegensatz zur Sanierung gut aussieht. Bei Altbauten haben wir ja noch viel Luft nach oben. 
Das ist eine Herkulesaufgabe – übrigens für alle Beteiligten. Aber genau hier können sich das freiwillige Qualitätslabel Minergie und GEAK gut ergänzen. GEAK macht nie Aussagen zu Qualität und Komfort, es geht hier nur um Energie und Effizienz. Es geht hier um Berechnungsmethoden und den Beratungsservice darum herum. Da gibt es viele Synergien.

Wie sehen die nächsten strategischen Schritte aus? 2017 will sich Minergie ja neu präsentieren?
Die groben Linien sind inzwischen klar. Der Fokus geht in Richtung Sanierung. Wir werden dort neue Produkte einführen, die es ermöglichen, Hürden abzubauen. Die Beteiligten werden dann beim Thema Sanierung ein klareres Bild haben. Der zweite neue Pfeiler geht in Richtung Elektrizität. 

Das gibt es doch auch schon bei Minergie A?
Es ist richtig, dass man bei Minergie A sich den Solarstrom anrechnen lassen kann. Wir wollen aber einen Schritt weitergehen. Es geht um eine Art Gesamtbilanz des elek­trischen Verbrauchs. Das hat folgenden Hintergrund. Je energieeffizienter ein Gebäude heute ist, desto grösser ist der Anteil der elektrischen Energie. Wir wollen hier weitere Effizienzpotenziale ausschöpfen. Denken Sie nur an die Themen Beleuchtung, elektrische Geräte, IT oder die Optimierung der Wärmepumpen, die ja bei vielen Minergie-Bauten ein wichtiger Baustein sind, oder auch die Effizienz der ­Lüftungsanlagen. Überall kann Elektrizität eingespart werden. Es gibt hier viele Potenziale, die man noch ausschöpfen kann. Es ist zudem ein Thema, welches bisher in den kanto­nalen Energiegesetzen wenig behandelt wurde.

Aber es gibt doch die Energiestrategie 2050 vom Bund. In diesem Rahmen spielt das eine Rolle.
Wir wollen auch hier das Bindeglied zwischen gesetzlichen Vorgaben und der ­Praxis spielen. Es gibt heute viele Grund­lagenpapiere und politische Forderungen. Wie aber diese Forderungen dann einfach und praktikabel in den Markt gebracht ­werden, steht auf einem anderen Blatt. Mit ­unserer Philosophie müssen wir aber genau hier aktiv werden. Wenn es keine einfachen und wirksamen Lösungen gibt, springen wir nicht auf den Zug. Wir suchen nach ­Wegen, damit unseren über 3 500 Kunden im Jahr diese neuen Schritte klar und einfach mitgehen können. 

Aber ich muss doch zunächst wissen, wo ich was und vielleicht zu viel an Strom verbrauche?
Wir machen uns Gedanken, wie das Monitoring verbessert werden kann. Die Energieflüsse werden heute in den Gebäuden kaum erfasst. Eine Bemessung wäre aber eine gute Grundlage für eine Betriebs­optimierung. 

Zudem brauche ich als Bauherr ein Serviceprodukt für die Betriebsphase. Auch daran arbeiten wir.

Ja, da will ich Sie nicht länger aufhalten. 

Weitere Informationen:
www.minergie.ch