Steve Waygood ist Chief Responsible Investment Officer bei Aviva Investors sowie Vorsitzender des Corporate Human Rights Benchmark.

Die erste vollständige Version des weltweiten Corporate Human Rights Benchmark (CHRB), die Anfang November 2018 veröffentlicht wurde, zeigt, dass bei Unternehmen weltweit das Wettrennen um eine verbesserte Menschenrechtsperformance begonnen hat. Dies ist positiv zu bewerten, aber viele Unternehmen starten von einem niedrigen Niveau. Der CHRB bewertet Unternehmen anhand von sechs Kategorien: Governance und Richtlinien, Menschenrechts-Due-Diligence, Abhilfemassnahmen und Beschwerdeverfahren, Menschenrechtspolitik des Unternehmens, Transparenz sowie Reaktion auf Vorwürfe von Menschenrechtsverstössen. Adidas erzielte dabei die höchste Leistung mit 87 Prozent. 

Obwohl einige Fortschritte ersichtlich sind, wurden zwei Drittel der untersuchten 101 Unternehmen bei weniger als 30 Prozent eingestuft. Zu den Schlusslichtern mit weniger als zehn Prozent zählten nicht nur Unternehmen, die zu erwarten gewesen wären, wie China Petroleum & Chemical Corporation, auch als Sinopec bekannt, sondern ebenso bekannte Namen wie Starbucks, Kraft Heinz und Prada.

Dies gibt Grund zu tiefer Sorge, da hieraus eine sehr schwache Verpflichtung zu Menschenrechten wie existenzsichernden Löhnen, sicheren und gesunden Arbeitsbedingungen und Geschlechtergleichstellung ersichtlich wird. Viele dieser Probleme können in bestimmten Unternehmen oder Standorten zumindest teilweise intern angesprochen werden, aber sie sind insgesamt nicht einheitlich über Geschäftseinheiten und Lieferketten hinweg angesiedelt. Etwa 40 Prozent der für den Benchmark untersuchten Unternehmen zeigten keinerlei Anzeichen, dass sie Menschenrechtsverstösse in ihrer Lieferkette zu identifizieren oder zu mindern suchten.

Im Gegensatz zu den meisten anderen ESG-Scores (Environment Social Governance) ist der CHRB online gratis verfügbar. Die Analyse betrachtet Unternehmen aus der Landwirtschaft, Bekleidungsbranche und dem Rohstoffsektor anhand von 100 Kategorien, die auf den UN-Leitprinzipien für Menschenrechte beruhen, basierend auf öffentlich verfügbaren Daten und weiteren, von den Unternehmen selbst zur Verfügung gestellten Informationen. Alle Unternehmen, die in den Benchmark mit einbezogen werden, werden bewertet, ob sie das wünschen oder nicht, wodurch ein gerecht verstreuter Markt erzielt wird. Das Ranking der Unternehmen fördert zudem ein Wettrennen um bessere Leistungen, indem Transparenz und notwendige Verbesserungen in den Vordergrund gerückt werden.

Der CHRB kann auch zusammen mit anderen Informationsquellen wie zum Beispiel allgemeineren ESG-Scores verwendet werden, um Anlegern bessere Einsichten in ihre Beteiligungen zu gewähren. Menschenrechtspraktiken können sich durchaus auf Aktienkurse auswirken – nicht nur durch negative Publicity, sondern auch aufgrund von Betriebsstörungen oder Ineffizienz, zum Beispiel, wenn Niedriglöhne und schlechte Arbeitsbedingungen zu Streiks führen. Im Hinblick auf festverzinsliche Papiere ist es möglich, dass Unternehmen mit niedriger CHRB-Bewertung aufgrund höherer Risikoexposition mit grösseren Kreditspannen gehandelt werden als ihre Konkurrenten. Wie jeder andere wichtige Risikoindikator kann die Menschenrechtsperformance ein kritisches Unterscheidungsmerkmal im Hinblick auf Risiko und Chancen sein.

Die Regierungen müssen jetzt ebenfalls mehr tun, um Unternehmen dazu zu bringen, die Beachtung von Menschenrechten in ihre Geschäftsmodelle und über ihre Lieferketten hinweg zu integrieren. Aber Anleger können einen wichtigen Beitrag dazu leisten, indem sie die Ergebnisse des CHRB 2018 bei ihren Investment-Entscheidungen, einschliesslich Engagement-Aktivitäten, in Erwägung ziehen. 

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