Das flache Land, nahe am Meer, mit viel Wind und vielen Wolken prägte schon die alte Malerei, die Stimmungen erzeugen konnte. Stimmungen erzeugt genauso die Architektur, wenn auch etwas nüchterne. Auf jeden Fall sind die Architektursprache und die Stimmungen, die sie umgeben, ein Spiegelbild der Gesellschaft. Wie sieht das in den ­Niederlanden und Flandern aus?

Die vergangenen 30 Jahre waren für die Architektur in den Niederlanden und in Flandern – dem niederländisch sprechenden Landesteil Belgiens – von zentraler Bedeutung. Während sich die niederlän­dische Architektur unter dem Markenzeichen «Superdutch» in den 1990er-Jahren internationaler Aufmerksamkeit erfreute, befassten sich in Flandern junge Architekten mit der Autonomie der Architektur, ihrem Bezug zu anderen Kunstformen und ihren handwerklichen Aspekten. Diese Archi­tekten, in deren Entwürfe immer auch eine Untersuchung des Kontextes einfloss, ­gewannen in dieser Zeit zunehmend an ­Bedeutung. Sie legten den Grundstein für die heutige Architekturkultur in Flandern, wobei sich die niederländische und die flämische Architektur seit der ­Finanzkrise von 2008 in einer für die ­jüngere Geschichte unbekannten Weise ­angenähert haben. Das zeigt sich vor ­allem im gemeinsamen Interesse einiger Architekten an Handwerk, am Bauen im Bestand und am Prinzip der Kontinuität in der Architektur.

Philosophie der Ausstellung
Als gemeinsamer Nenner von Architekten auf beiden Seiten der belgisch-niederländischen Grenze bezeichnet «Massarbeit» die Kontrolle über den Entwurf und die Realisierung des Bauwerks: von der ­ersten Idee bis in die kleinsten Details. «Massarbeit» ist aber auch Teil der Handschrift der Architekten im Hinblick auf das «Story­telling» und die Referenzen, welche in der Architektur bearbeitet werden. Darüber hinaus verweist «Massarbeit» auf das Verhältnis der Projekte zu ihrem Kontext – zu den Stadträumen und Landschaften sowie den gesellschaftlichen, politischen, kulturellen und konzeptuellen Hintergründen, vor denen Flamen und Niederländer operieren. Daher lautet der Titel der Ausstellung in Frankfurt auch MAATWERK / MASSARBEIT. 

Individualität und Gemeinsamkeit
Der Haus- und Wohnungsbau ist in den Niederlanden und Flandern ein wichtiges Tätigkeitsfeld für Architekten. In Flandern entfallen viele Aufträge auf Eigenheime. Ambitionierte Bauherren eröffnen den ­Entwerfern die Möglichkeit, typologisches Neuland zu betreten oder eigene Formsprachen zu entwickeln. Bis vor zwei Jahrzehnten konzentrierten sich architektonische ­Innovationen tendenziell auf Privathäuser. Gemeinschaftliches Wohnen scheint in der flämischen Bau-DNA nicht verankert zu sein. Doch in den 1990er-Jahren setzte ­sowohl im öffentlichen wie im privaten Wohnungsbau ein Umdenken ein. Die Entwicklung hängt mit der Wiederentdeckung der Stadt und einer Zunahme öffentlicher Aufträge zusammen. 

Die Situation in den Niederlanden kennt eine derartige Individualität nicht. Der soziale Wohnungsbau und planerische ­Rahmenbedingungen, die angemessenen Wohnraum für alle ermöglichen, sind gut entwickelt. Das gemeinschaftliche Wohnen in den Niederlanden ist hinsichtlich Zielgruppe, Standort, Massstab und räumlicher Ausgestaltung vielseitig. Folglich ist das freistehende Eigenheim in den Niederlanden eher Ausnahme denn Regel, und sofern Architekten überhaupt solche Aufträge erhalten, müssen sie oft konzeptionelle Faktoren berücksichtigen.

Die Stadt planen, das Land gestalten
In weiten Teilen der Niederlande ist die Landschaft vollständig vom Menschen ­gemacht. Polderlandschaften prägen die ländliche Struktur. Planung und infrastrukturelle Massnahmen spielen eine grosse Rolle, und Stadterweiterungen und Sanierungsvorhaben werden systematisch angegangen. Infrastrukturprojekte fügen sich darin ein. Oft stimulieren sie als Symbole des gesellschaftlichen Miteinanders neue Entwicklungen. 

In Flandern sind städtebauliche oder landschaftsgestalterische Projekte dieses Massstabs die Ausnahme. Da ein effizienter Planungsrahmen lange Zeit fehlte, war die Mikroplanung Teil der Entwurfsarbeit und erforderte regelmässig eine detaillierte Deutung des Kontextes. Seit einiger Zeit haben grossmassstäbliche städtebauliche Gesten auch in Flandern eine Chance. Dies geht Hand in Hand mit einem grösseren Augenmerk für die Qualität der Landschaft. 

Gleichzeitig hat sich gezeigt, wie verschiedene niederländische Entwürfe sich in ein bestehendes urbanes Gebilde integrieren oder zwischen verschiedenen Bezugsrahmen in der Stadt vermitteln. Womit offenkundig ist, dass das Planen innerhalb eines architektonischen Rahmens in den Niederlanden ebenfalls an Bedeutung gewinnt. 

Die Ausstellung
MAATWERK/MASSARBEIT, Architektur aus Flandern und den Niederlanden.
8. Oktober 2016 – 12. Februar 2017
Eine Ausstellung des Flanders Architecture Institute (VAi) und Deutsches Architekturmuseum (DAM)

Weitere Informationen:
www.dam-online.de