Mit den massenmarktfähigen Möglichkeiten zur individuellen Stromerzeugung und Stromspeicherung werden Prosumer-Haushalte die Verhaltensforschung vor neue Heraus­forderungen ­stellen. Fokussiert sich die klassische Verhaltensforschung im Energiebereich u. a. auf Faktoren, welche den Konsum von Haushalten beeinflussen, so analysiert die Prosumer-Verhaltensforschung Faktoren welche die «Prosumption» tangieren.

Diese untersucht dementsprechend inwiefern Faktoren das Verhalten beeinflussen, welches aus den neuen Möglichkeiten der individuellen Stromerzeugung resultiert, wie etwa das Speicher-, Verkaufs-, «Sharing»- und Konsumverhalten. Konsumenten wägen in der klassischen Verhaltensforschung die relativen Preise (trade-offs) ihres Handelns (Stromkonsumverhalten) ab und ­entscheiden dann, ob, wie und wieviel sie konsumieren. Prosumer-Verhaltensforschung ist aber komplexer, wie folgendes Beispiel zeigt: Ein Prosumer-Haushalt ­produziert mehr Strom als dieser momentan konsumiert. Der Haushalt steht somit vor der Frage, was er mit diesem Überschuss macht: Speichern? Mit der Community teilen? Den Konsum langfristig ­ändern? Oder doch verkaufen? Viele Faktoren beeinflussen die individuellen Bedürfnisse und Präferenzen und somit auch die finale Entscheidung des Prosumers.

Das Aufkommen von Prosumern und Crowd Energy Communities wird auch die Wertigkeit des Stroms beeinflussen. Mit der Eigenproduktion und Selbstbestimmung über das Gut «Strom» verändern sich auch die Werte, welche Haushalte mit dem Gut assoziieren. Erste Ergebnisse, welche am international institute of management in technology (iimt) erzielt wurden zeigen auf, dass in einer Crowd «Strom» zunehmend als handelbares Gut wahrgenommen wird. Dabei erhält der Wert des Gutes «Strom» aus Prosumer-Sicht aufgrund der Speichermöglichkeiten, neue, zeitlich variierende Komponenten. Die heterogenen Wertvorstellungen des Gutes «Strom» manifestieren sich ebenfalls in den unterschiedlichen Vorstellungen bezüglich individuell, lokal oder regional produzierten Stroms. Unklar ist zudem noch inwiefern, welche Dienlichkeit der Stromproduktion und den Energiespeicheranlagen zugeordnet werden kann. Stehen diese alleine dem Individuum zur Verfügung und stellen somit einen Mehrwert für den Prosumer dar, oder werden diese auch Drittpersonen (Community Members, traditionellen Produzenten und Dienst­leistern) zur Verfügung gestellt, wodurch auch aktive Werte für die Allgemeinheit geschaffen werden?
 
«Strom» wird somit in Zukunft unterschiedliche Produktwertigkeiten mit sich bringen, was das Strom-Management neu definieren wird. Klassische «to-you»-Dienstleistungsprinzipien können die Bedürfnisse der Prosumer und somit auch ihr Potenzial weder decken noch ausschöpfen. Service-­Dienstleistungen für Prosumer und Crowd Energy Communities müssen sich einer heterogenen Landschaft an Prosumern gegenüber stellen, was ein klares Verständnis über Verhalten und Wertvorstellung gegenüber dem Gut, der Community und dem System bedingt. Ein «with-you»-Verständnis seitens Stromdienstleister basiert auf Bedürfnis-, Werte-, und Verhaltensanalysen von Individuen, welche massgeschneiderte Dienstleistungslö­sungen für Prosumer und Crowd Energy Communities ermöglichen. Erst wenn ­solche «bottom-up»-Erkenntnisse vorhanden sind, kann das technische Potenzial, welches uns die neuen Technologien und neuen Organisationsformen versprechen, ausgeschöpft werden.

Im Forschungsschwerpunkt Crowd Energy des iimt werden unter Leitung von Frau Prof. Dr. Stephanie Teufel in verschiedenen Projekten diese multidisziplinären Fragestellungen untersucht.

www.iimt.ch