Teilnehmerinnen und Teilnehmer diskutieren an einem Netzwerkanlass der Startup Academy. (© Raphaël Leibundgut, rlug.ch)

In der Schweiz werden Unternehmen gegründet wie selten zuvor. Viele von ihnen überleben die Anfangsjahre nicht. Geringfügiges Kapital, langwierige Wachstumsphasen oder rechtliche Eintrittsbarrieren zählen zu den Problemen, mit welchen Start-ups in der Anfangszeit meist zu kämpfen haben. Förderungen und Begleitprogramme vermögen hierbei die Überlebensquote der Jungunternehmen massiv zu erhöhen.

Die Euphorie in der Gründerszene ist gross: 43’174 Unternehmen wurden im letzten Jahr in der Schweiz gegründet, nur geringfügig weniger (279) als im Vorjahr, als ein Allzeithoch verzeichnet wurde. So weit die dokumentierten Fakten. Weniger verlässliche Zahlen gibt es zur Lebensdauer dieser Jungunternehmen. Wie viele dieser Neugründungen die ersten Jahre effektiv überstehen, interessiert weniger, und anstelle der Euphorie tritt Ernüchterung oder eben ein «Kater». «Viele» seien es, «über die Hälfte» wird gemutmasst. Klar ist erstens: Das Gründerfieber kann tödlich enden. Und zweitens: Zu viele Organisationen bewirtschaften dieses Thema, als dass kritische Stimmen erwünscht wären. Unternehmen investieren in Design-Thinking-Methoden, damit Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter neue Geschäftsideen entwickeln, und Hochschulen forcieren Entrepreneurship-Lehrgänge und Spin-offProjekte, um ihre Rankings zu verbessern – massiv unterstützt von staatlichen Förderstellen und privaten Investoren. Hinzu kommen mehr als 140 Start-up-Wettbewerbe allein in der Schweiz. Das Interesse aller richtet sich dabei auf die wenigen Start-ups an der Spitze, nicht auf die vielen anderen, die mit einem intelligenten Begleitprogramm auch überleben würden und erfolgreich sein könnten.

Scheitern nicht ohne Grund
Start-ups können in allen Lebensphasen scheitern, speziell aber in den ersten Jahren. In der Startphase («Seed») wird die Geschäftsidee konkretisiert und entwickelt, ohne dass schon Kapital vorhanden wäre. Hier sind die Gründerinnen und Gründer auf Arbeitgeber angewiesen, die eine Reduktion des Arbeitspensums erlauben. Der damit verbundene Lohnausfall muss finanziell tragbar sein. In der Startphase können zusätzliche Kosten anfallen, zum Beispiel für die Herstellung eines Prototyps. Da braucht es entsprechende Eigenmittel und die Bereitschaft, alle Kosten minimal zu halten – also keine Investitionen in IT und Räume, falls nicht unbedingt notwendig. Als Team ist man schlagkräftiger, gerade wenn die Mitgründerinnen und Mitgründer unterschiedliches Know-how mitbringen. Da ist man gut beraten, ein Team zu bilden, das sich nicht bei der ersten Meinungsverschiedenheit aufspaltet. In der Gründungsphase («Start-up») realisiert man die Geschäftsidee, wählt Name sowie Rechtsform und nimmt die operative Tätigkeit auf. Ein
Produkt oder eine Dienstleistung wird nur verkauft, wenn eine Nachfrage da ist oder rasch geschaffen werden kann. Wichtig deswegen, vorgängig eine Marktanalyse gemacht zu haben oder früh einen Prototyp mit möglichen Kunden zu testen. Erfolgreiche Produkte und Dienstleistungen entstehen immer in einer Interaktion mit Kundinnen und Kunden und werden dabei verfeinert. Für die Markteinführung muss der richtige Zeitpunkt gefunden werden. Aber es gibt keine Regel, wie man ihn bestimmt, nur Erfahrungswerte. Empfohlen wird, eher pragmatisch zu starten als triumphal anzukündigen und dabei seine Reputation zu schädigen. Die Eintrittsbarrieren können rechtlicher Art sein oder von einem Konkurrenten diktiert. Also, bei Bedarf einen Juristen beiziehen oder rechtzeitig eine Nische anvisieren.

Die Wachstumsphase («Growth») folgt auf den erfolgreichen Markteintritt. Netzwerk und das Marketing werden ausgebaut, ebenso neue Produkte und neue Märkte in Erwägung gezogen. Jetzt muss sich das Unternehmen auf dem Markt positionieren. In der Expansion findet der Übergang vom Start-up zum professionellen Unternehmen statt. Geschieht diese zu früh, kann es sein, dass der Markt noch nicht bereit ist – oder umgekehrt das Start-up. In dieser Phase wird die Finanzierung noch wichtiger. Jetzt kann es sein, dass Kapitalgeber mitreden und mitentscheiden, wie es weitergehen soll. Hat man die Besitz- und Mehrheitsverhältnisse nicht gut durchdacht, kann es sein, dass die Gründerinnen und Gründer die Kontrolle verlieren oder zusätzliche Geldmittel nicht mehr rechtzeitig beschafft werden können.

Eein Pionierprojekt im gesellschaftlichen Wandel
Viele Start-ups scheitern in den ersten Jahren an den oben beschriebenen Hürden. Damit das nicht geschieht, hat der gemeinnützige Verein «Startup Academy» ein Modell entwickelt, mit dem sie Jungunternehmen während zweier Jahre begleitet und vernetzt. Unterstützt vom Förderfonds Engagement Migros begleitet sie die Jungunternehmen eng und geht auf ihre individuellen Bedürfnisse ein. Mentoring, Workshops, Business-Checks, Beratungsstunden mit Experten gehören genauso dazu wie der aktive Austausch mit anderen Start-ups in Form von Venture Caffès, Brown Bags und Netzwerktreffen. Ziel der 2010 gegründeten Initiative ist es, Start-ups mit der Wirtschaft und den Hochschulen zu vernetzen, um erfolgreiche Geschäftsmodelle zu entwickeln. Der nachweisliche Erfolg dieses Pionierprojektes am Standort Basel war mit ein Grund für Engagement Migros, die Initiative «Startup Academy Schweiz» zu unterstützen. Zu ihr gehören heute die Standorte Basel, Liestal und Olten. Neben Chur, Schaffhausen und Zürich in der Deutschschweiz sind mit Nyon und Delémont weitere Standorte in der Westschweiz in Diskussion. Ab 2020 sollen Start-ups in der ganzen Schweiz ortsnahen Zugang zum Start-up Academy-Netzwerk haben.

93 Prozent Überlebensrate
Eine kürzlich abgeschlossene Bachelor Thesis unter dem Namen «Erfolgskontrolle der Startup Academy Schweiz in Bezug auf Begleitprogramm, Anzahl Gründungen und Schaffung neuer Arbeitsplätze» hat auf Basis zweier Befragungen unter den (Alumni-) Start-ups sowie den Studierenden und Praktikanten verlässliche Zahlen geliefert. So hat die Startup Academy bis heute über 320 Anfragen von Personen mit Geschäftsideen erhalten, © Raphaël Leibundgut, rlug.chdie ins Begleitprogramm aufgenommen werden wollten. Von diesen wurden 190 Jungunternehmen (60 Prozent) effektiv aufgenommen und während zweier Jahre begleitet. 93 Prozent von diesen bestehen noch heute, was weit über der geschätzten Überlebensrate liegt. Offenbar sorgt die Qualität der Vorselektion und des Begleitprogrammes dafür, dass die von der Startup Academy begleiteten Startups markant bessere Chancen haben, auf dem Markt zu bestehen.

www.startup-academy.ch