Menschen mit Behinderung im Arbeitsalltag, da haben sicher viele Unternehmensverantwortliche Berührungsängste unterschiedlichster Art. Warum sollten Sie diese nicht haben?
Weil Menschen mit Behinderung  schlicht  Menschen  sind, wie alle andern auch. Sie haben nur gewisse Einschränkungen, seien es kognitive oder sozial-emotional oder physische Einschränkungen. Davor muss man keine Angst haben. Aber es ist richtig, oft kommen Auftraggeber zu uns, die schon einen Bezug zu Menschen mit Behinderungen haben. 
Früher arbeiteten Behinderte in Werkstätten abseits. Heute werden Sie in die Arbeitswelten integriert. Sehe ich das richtig?
Genau das ist das Ziel. Es geht um eine grösstmögliche Integration in den Arbeitsmarkt.
Wie kommen heute beide Seiten zusammen?
Die Integration von Menschen findet in der Arbeit als sekundärer Faktor statt. Dadurch, dass die Menschen nicht mehr abgeschottet arbeiten und wohnen, werden Sie in der Öffentlichkeit sichtbar. Die Werkstätten der ESB sind dafür ein gutes Beispiel. Sie sind ganz bewusst in einem Gewerbegebiet. Hier zum Beispiel in Liestal auf dem Schildareal, wo 70 Unternehmen tätig sind. Dort begegnet man sich auf dem Arbeitsweg, der Kantine oder im Betrieb. Menschen mit Handicap sind sichtbar. Das bringt beide Seiten  in Kontakt zueinander. Die  Integration ist hier eine  Alltäglichkeit.  
Wie sieht Ihre Arbeit hier in Liestal konkret aus?
Wir arbeiten mit  rund 300 kleineren und grösseren Unternehmen der Region aus unterschiedlichsten Branchen zusammen.  
Können Sie uns da zwei, drei Beispiele verraten?
Im Sanitär-Bereich pflegen wir eine nachhaltige Zusammenarbeit im Rahmen eines grossen Auftragsvolumens. Dann verpacken wir Batterien für eine grosse Unternehmung. Zudem fertigen wir Bestandteile für Wasseraufbereitungsanlagen oder Filtersysteme. Es geht in erster Linie um Manpower im spezifischen Moment einer  Produktionskette, zum Beispiel beim Thema Mechanik (CNC und konventionell), Metallbau, Verpackung oder Montagearbeiten, wie Elektromontage. Wir bedienen aber auch einen Webshop für einen Kunden. Das Material ist am Lager, wir rufen selbstständig die Aufträge ab, konfektionieren sie und versenden sie im Namen des Kunden.
Sprich, Sie können auch nicht nur einen Teil der Wertschöpfungskette abdecken, sondern bieten da auch umfassendere Lösungen an? Das ist ja im Rahmen heutiger Automatisierungsgrade wichtig.
Ja, in der Zusammenarbeit mit dem Auftraggeber ist da heute viel möglich. Wir übernehmen seine Qualitäts- oder ISO-Standards. Durch anfangs kleinere Schritte entstehen mit der Zeit dann öfters die grösseren Aufträge.

Viele Unternehmensverantwortliche haben sicher noch Bilder im Kopf, dass es in Ihrem Hause nur um die Ausübung von einfachsten Tätigkeiten geht. Das ist aber ein Vorurteil?
Wir bieten industrielle Fertigungsprozesse von A bis Z an. Wir können durch unsere Logistik auch Produktionsabläufe optimieren. Das haben wir mit der ISO-Zertifizierung bewiesen. Der Vorteil bei uns ist, dass wir sowohl einfachere Arbeitsschritte, wie eben auch sehr komplexe Tätigkeiten anbieten können. Menschen mit unterschiedlichsten Beeinträchtigungen können so ihre Fähigkeiten einbringen. 
Sie repräsentieren einen Betrieb, der wettbewerbsfähig ist und auf dem Markt besteht. Es geht nicht um eine caritative Tätigkeit, bei der ich als Unternehmer aus gesellschaftlicher Verantwortung oder aus Mitleid investiere?
Genau. Es geht auch nicht nur darum einzelne Menschen mit Handicap in Betriebe zu integrieren. Das ist oft zum Scheitern verurteilt. Man sieht das in Deutschland. Dort zahlen Unternehmensverantwortliche eher Konventionalstrafen als Behinderte einzustellen. Wir bieten Unternehmen Lösungen an. Intern können wir da nach flexiblen Lösungen suchen. In der ESB arbeiten rund 300 Menschen mit einer Einschränkung, die sehr flexibel einsetzbar sind.   
Sie suchen jetzt aber nicht nur Aufträge für Ihr Unternehmen hier, sondern es gibt auch die Möglichkeit im Rahmen eines Unternehmens mit Ihren Angeboten anzudocken?
Ja, das Beispiel Endress + Hauser zeigt, dass wir eine ganze Produktionsstrasse in einem Unternehmen betreiben können. Integrative und kooperative Projekte sind überall möglich, wenn die Voraussetzungen stimmen.
Den Einwand, dass Sie von der öffentlichen Hand subventioniert werden und damit den Wettbewerb mit anderen Marktteilnehmern verzerren, haben Sie sicher auch schon gehört?
Ja, aber so wie wir aufgestellt sind, stehen wir nicht in Konkurrenz zu regionalen Unternehmen. Wir verlangen marktgerechte Preise.
Es geht jetzt aber nicht nur um die betriebswirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit?
Der Auftrag ist einerseits eine Win-Win-Situation mit unseren Kunden zu generieren und andererseits ein Selbstwertgefühl und Sinnstiftung  für die Mitarbeiter, die eine Beeinträchtigung haben, herzustellen. Ich habe einen Job und gehöre zur Gesellschaft. In diesem Satz lässt sich der zweite Teil unseres Auftrags zusammenfassen.  Das ist ja auch der Auftrag, den uns die  öffentliche Hand erteilt hat.
Peter Grieder ist Leiter Werkstätten bei der Eingliederungsstätte Baselland ESB in Liestal
Martin Kreiliger ist Leiter Wohnverbund und Kommunikation bei der Eingliederungsstätte Baselland ESB.

Weitere Informationen:
Eingliederungsstätte Baselland ESB 
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