Im Verlaufe des 12. und 13. Jahrhunderts versuchten sich diese Vereinigungen auch politisch zu betätigen und Einfluss auf das Regiment zu nehmen, was aber nur teilweise gelang. In Zürich wurden diese Bestrebungen ganz energisch zurückgebunden. Die Stadt wurde durch einen Rat von Rittern und freien Burgern regiert, welche grosse wirtschaftliche Macht besassen, die sie zu Ungunsten der Kleinhändler und Handwerker gnadenlos ausnutzten, um ihren Einfluss mehr und mehr auszudehnen

Brunsche Zunftverfassung

Am 7. Juni 1336 kam es zur «Handwerkerrevolution» in der Stadt Zürich. Unter Führung des jungen Ritters Rudolf Brun stürmten Handwerker und Krämer das Rathaus. Die vorgewarnten Ratsherren flohen, hauptsächlich nach dem habsburgischen Rapperswil.

Innert kürzester Zeit hatte Brun eine Zunftverfassung nach dem Vorbild des «Schwörbriefes» der Stadt Strassburg aus dem Jahre 1334 ausgearbeitet, in welcher er die Machtverhältnisse in der Stadt Zürich neu regelte. Die bestehenden Korporationen wurden neu formiert, neu gruppiert und zu Zünften als feste Organisationen zusammengefasst. So kam es, dass auch Berufsgruppen, die miteinander wenig oder nichts zu tun hatten, der gleichen Zunft zugeteilt wurden. Ein typisches Beispiel ist die Zunft zur Meisen, die Wirtsleute, Sattler und Maler umfasste.

Die Zünfte waren wirtschaftliche, politische und militärische Organisationen. Aus ihren Vertretern wurde der Rat gebildet. Nur über die Zünfte konnte ein Bürger in den Rat gelangen. Der Ausdruck «Die Zünfte sollen haben ein Banner» entsprach ihrer militärischen Bedeutung und Struktur.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Zunftstädten Europas, in denen der Klerus oder der Adel über den Zünften standen, bildeten in Zürich die Zünfte und ihre Vertreter die oberste politische Machtstruktur. In den Zünften mussten sich die einzelnen Handwerke selber organisieren; sie hatten ihr eigenes Gefüge. Die Obmänner waren als Vorsteher ihres Handwerkes, z. B. der Maurer, Zimmerleute, Maler, Sattler oder Goldschmiede, verantwortlich.

Die Handwerker regelten in ihren Ordnungen auch die Ausbildung der Lehrlinge, die Wanderzeit der Gesellen, sorgten für Qualitätskontrollen und hatten gegenüber ihren Mitgliedern auch soziale Funktionen.

Constaffel und Zünfte regieren Zürich

Nach der Brunschen Zunftverfassung stellten die 13 Zünfte mit ihren (amtierenden) Zunftmeistern neu die eine Hälfte des kleinen Rates. Die alten Ritter, Edelleute und die Brun treugebliebenen Grosskaufleute vereinte er in der vornehmen Gesellschaft der «Constaffel». Sie bildeten die Kavallerie, waren für den persönlichen Schutz des Bürgermeisters verantwortlich und schickten 13 Vertreter in den Rat. Zusammen mit dem Vorsitzenden Brun – welcher ebenfalls der Constaffel angehörte – besassen sie immer die Mehrheit.

Neben dem Kleinen Rat gab es noch den Grossen Rat, den sogenannten Rat der 200. Dieser setzte sich aus den zwei Zunftmeistern und Vertretern der Gesellschaft zur Constaffel und der Zünfte zusammen (jede Zunft hatte zwei Zunftmeister, welche sich halbjährlich im Amt ablösten). Die Gesellschaft zur Constaffel hatte 18 und jede Zunft 12 Delegierte; dazu von jeder Zunft zwei Zunftmeister und von der Gesellschaft zur Constaffel vier Constaffelherren. Ein Sitz war wiederum vom Bürgermeister besetzt. Die restlichen Sitze gingen an vom Rat selbst zugewählte Bürger.

Nur den Mitgliedern im Rat waren die wichtigsten Posten z. B. Landvogt usw. vorbehalten. Daneben gab es die sogenannten «Gemeinen Bürgerlichen Ämter und Dienste», die an einfache Stadtbürger vergeben wurden, wie Nachtwächter, Brunnenmeister, Stadtimker, Stadttrompeter, Uhrenrichter usw.

Die Zürcher Mordnacht

1350 versuchten die aus Zürich verbannten Räte von Rapperswil aus in der «Zürcher Mordnacht» vom 23. auf den 24. Februar Brun und seine Neuordnung zu stürzen. Der Anschlag auf Brun und seine Anhänger misslang, der Sage nach vor allem dank dem heroischen Eingreifen der Zunft der Metzger. 15 Verschwörer fielen, 35 wurden gefangen. Von diesen liess Brun 17 enthaupten und die übrigen rädern.

Verlust der politischen Rechte

1798, nach 462 jähriger Vorherrschaft der Zünfte in der Stadtstruktur, lösten Franzosen nach ihrem Einmarsch unter der Devise «Liberté, Egalité, Fraternité» und der Gewerbefreiheit die politischen Zünfte auf. Die Zünfte verkauften mit wenigen Ausnahmen ihr Zunfthaus. Auch der Silberschatz wurde veräussert oder unter den Zünftern aufgeteilt.

Die Handwerksvereinigungen blieben noch bestehen, sie gingen mit der Gewährung der Gewerbefreiheit und der Liberalisierung des Handels in den Dreissigerjahren des 19. Jahrhunderts unter. Allerdings hatte man nach fünf Jahren politischer Unsicherheit die Zünfte als Wahlgremien wieder eingesetzt, auf der Landschaft wurden die sogenannten Wahlzünfte gebildet, und so erhielt das Wort Zunft in Zürich im 19. Jahrhundert als Bezeichnung für einen Wahlkreis auch eine zusätzliche Bedeutung.

In der Zeit des Biedermeiers, als politische und berufsbezogene Aufgaben fehlten, suchten junge Zünfter innerhalb ihres Kreises neue Betätigungen. Ab 1818 begannen sie mit einfachen nächtlichen Umzügen, die sich auch in den folgenden Jahren wiederholten, 1830 erstmals bei Tag. 1838 ersetzten neue politische Strukturen die Wahlkreise und bei der Gemeindereform von 1866 verloren die Zünfte die letzten politischen Rechte.

Seither bilden die Constaffel und die Zünfte Vereinigungen, «in welchen der alte Kern der Bürgerschaft die Liebe zur Vaterstadt, zur engern und weitern Heimat, einen gut bürgerlichen Sinn und das Verständnis für alte zürcherische Sitten, Gebräuche und Feste wachhält und pflegt». Kurz: Vereinigungen von Männern mit ähnlichen traditionellen Interessen.

Zünfte der jüngeren Linie

Dass hierfür ein echtes Bedürfnis bestand, ergibt sich aus der Tatsache, dass unmittelbar nach dem Schwinden jeglichen politischen Einflusses 1867 spontan eine Gesellschaft entstand, um «den gleichen Zwecken zu dienen wie die alten Zünfte». Dieser «Stadtzunft», wie sich die neue Gesellschaft nannte, folgten dann weitere Zünfte «der neuen Linie», die meisten in zwei Schüben, nämlich im Zusammenhang mit den Eingemeindungen von 1893 und 1934. Die Gründerväter der Quartierzünfte wollten sich einerseits bewusst zur Stadt bekennen, andererseits aber auch die Erinnerung an die ehemaligen Gemeinden wach halten.

Die Zürcher Zünfte

Nach dem Verlust ihrer letzten «staatstragenden» Aufgaben bestanden die Zünfte ab 1866 als Vereine weiter. Mit der Gründung der Zünfte der neueren Linie wurden die gemeinsame Feier des Sechseläutens und die Bewahrung von Tradition und Brauchtum zum Schwerpunkt der zünftigen Aktivitäten. Das Leben der Zünfte wird für die Öffentlichkeit am Sechseläuten besonders sichtbar. Die Zünfter treten in Kostümen auf die Strasse und geben der Stadt einen Hauch ihrer Vergangenheit zurück. Das Jahr hindurch bestreiten die Zünfte innerhalb ihrer eigenen Reihen verschiedene Anlässe. Im November findet bei den meisten Zünften das Martini- oder Rechenmahl statt. An diesem Herbstfest wird die Vereinsrechnung abgenommen und die Halbzeit im zünftigen Kalender gefeiert. Die Zünfte begehen diesen Tag in ihrem Zunfthaus mit einem Nachtessen und laden auch Gäste anderer Zünfte dazu ein. Viele Zünfte führen jeden Monat eine Veranstaltung durch. An diesen werden zunftspezifische Themen behandelt und Traditionen gepflegt – immer steht aber bei all diesen Anlässen die Geselligkeit im Mittelpunkt. In das Zunftleben während des Jahres sind in vielen Zünften auch die Partnerinnen und Familien eingebunden. So finden zunftintern Vortragsstämme statt oder es werden Ausflüge und Bälle durchgeführt.