Herr Baumann, stellen Sie sich doch bitte kurz vor.
Ich wohne seit fast 20 Jahren mit meiner Familie in einer Wohnung hier in Zürich, habe aber auch noch ein Haus im Jura. Ich bin stolzer Familienvater und habe vier Kinder, die Jüngste ist gerade neun Jahre alt. Sie waren auch der Grund, warum wir immer in Zürich geblieben sind. Die Kinder haben uns hier verankert!

Man hört, Sie seien ein grosser Kenner der Zürcher Kulturszene…
Ja, das kann man schon so sagen. Ich war zehn Jahre lang selbständig und habe während dieser Zeit unter anderem Theaterbetriebe beraten. Dann bin ich mit Herrn Estermann, dessen rechte Hand ich damals war, in die Stadtverwaltung gekommen. Hier wurde ich dann natürlich auch mit allen Seiten der Kulturpolitik konfrontiert, habe etwa das neue Kulturleitbild mit entwickelt. Auch den Schauspielhaus-Konflikt habe ich damals mitbekommen und mir irgendwann überlegt, dass ich ja vielleicht auch einmal in diesem Bereich arbeiten könnte. Diese Chance hat sich mir dann auch bald geboten und ich bin zum kaufmännischen Rektor des Schauspielhauses gewählt worden. Auf diese Weise bin ich dann eben nach und nach in die Kulturbranche hineingerutscht, auch im Bühnenverband bin ich bald Vorstandsmitglied geworden. Später habe ich dann ans Theater Winterthur gewechselt, wo ich einige Jahre sogar Gesamtleiter und damit auch für’s Programm zuständig war. Ferner bin ich Mitinitiant des Schweizer Theatertreffens und in vielen weiteren Vereinigungen nach wie vor aktiv. Das möchte ich auch weiterhin bleiben, da ich hierzu einfach eine hohe Affinität habe!

Kann man die Theaterwelt mit der Glitzerwelt der Casinos und der Spielhallen vergleichen?
Ja, ich würde sagen, dass das Casino eigentlich auch ein Kulturbetrieb ist – schliesslich veranstalten wir hier eigentlich auch immer wieder ein Theater (lacht). Die Leute begeben sich ganz bewusst in eine andere Welt, das Casino ist damit wie das Theater ein ganz und gar künstliches, ausseralltägliches Setting! Real kann man hier ja eigentlich kein Geld verdienen. Wenn man um Geld spielt, sollte das jedenfalls kein Alltag sein!

Wofür steht «Swiss Casino»-Gruppe, und wie unterscheidet sie sich etwa von der «Casino Baden»-Gruppe?
Die «Casino Baden»-Gruppe ist unser Hauptkonkurrent. Ohne es beabsichtigt zu haben, haben wir ihnen durch die geografische nähe natürlich auch Kunden weggenommen. Ca. 100.000 unserer insgesamt 300.000 Besucher kommen aus der Stadt Zürich, weitere 100.000 aus dem Kanton Zürich. Das sind natürlich alles Kunden, die dem Casino Baden verloren gegangen sind. Im Angebot unterscheiden wir uns kaum von ihnen, eher schon im Auftritt. Das Casino-Baden setzt mit sexy Frauen usw. eher auf die frivole Seite des Glücksspiels, während wir uns lieber etwas in Zurückhaltung üben.

Wodurch zeichnet sich ein erstklassiges Casino aus?
Vor allem durch einen guten Service. Wir haben sehr viele gute Mitarbeiter, die nur da sind, um unsere Kunden zu betreuen. Neben unseren Automaten haben wir ja auch noch die sogenannten «Live Games», das heisst Spieltische. Diese sind sehr personalintensiv, und da wir davon über 20 Stück haben, ist das Ganze natürlich auch für den Betreiber nicht billig. Trotz Massenbetrieb muss aber natürlich die Qualität stimmen! Wichtig sind uns ausserdem auch unsere Partnerschaften, etwa mit dem Zürcher Filmfestival oder anderen namhaften Kulturinstitutionen der Stadt.

Sie sind noch nicht sehr lange hier beschäftigt und vermutlich gerade noch dabei, sich einzuleben. Gibt es trotzdem schon etwas, was Sie unbedingt verändern wollen?
Ja doch, da gibt es schon ein paar Sachen. Wichtig ist mir vor allem, dem Casino eine richtige Identität und einen Wiedererkennungswert im Raum Zürich zu verschaffen. Die Zürcher sollen sagen können: «Das ist unser Casino, und wir sind stolz darauf»! Auch wirtschaftlich muss sich noch etwas tun. Es ist ja kein Geheimnis, dass es der Casino-Branche schon mal besser ging als heute. Dass hängt aber auch damit zusammen, dass sich in den letzten 40 Jahren wenig verändert hat. Es müssen daher neue, zeitgemässere Konzepte her, die auch in die heutige Welt passen. Ich kann da aber natürlich nichts alleine entscheiden, der Verwaltungsrat hat hier immer auch noch ein Wörtchen mitzureden.

Wie genau hat sich der Casino-Markt verändert?
Der Umsatz steht heute einfach nicht mehr im richtigen Verhältnis zur Grösse der Betriebe. Gerade am Nachmittag und Vorabend nehmen sich die Leute eher etwas anderes vor als ins Casino zu gehen. Wie Sie sich denken können, ist die Atmosphäre in dieser Zeit dann nicht die beste. Daher sind wir gerade dabei, zusammen mit dem Verwaltungsrat neue Konzepte zu entwickeln. Diese müssen sich von den alten unterscheiden, ohne wiederum zu verrückt oder zu experimentell zu sein. Ich habe den Mut, Neues zu wagen, bin aber eben auch von den Geldgebern abhängig.

Sind Sie auch privat ein Spielertyp?
Ja, allerdings darf ich aufgrund meiner neuen Position in der Schweiz nicht mehr um Geld spielen. Auch meine Frau darf beispielsweise in unserem Haus nicht an den Roulette-Tisch, das ist einfach eine interne Policy. Ich bin aber nach wie vor ein begeisterter Poker-Spieler und war früher oft in einigen Zürcher Clubs unterwegs, die irgendwann verboten wurden, jetzt aber wohl bald wieder aufmachen dürfen. Heute bin ich ab und zu noch im Urlaub an Poker- und Black Jack-Tischen anzutreffen. Und natürlich spielen wir in der Familie oft miteinander: vom Jass bis zu Monopoly. Als eingefleischten Spieler würde ich mich aber dennoch nicht bezeichnen, das beschränkt sich bei mir auf zwei oder drei Mal im Jahr. Dennoch denke ich: Spielen verbindet, macht Spass und ist mit vielen positiven Emotionen verbunden!

Was war denn bislang der höchste Gewinn eines Spielers im Casino Zürich, dürfen Sie darüber sprechen?
Ja! Zwei oder drei Wochen, nachdem ich hier angefangen habe, hat jemand über drei Abende Roulette gespielt. Am ersten Abend hat er knapp CHF 200.000 verloren, dann aber gleich zweimal CHF 450.000 gewonnen. Netto hat er also am Ende über CHF 700.000 mitgenommen! Im Bereich Live Game war das bislang der höchste Gewinn. Bei den Jackpot-Automaten, die in Kooperation mit St. Gallen laufen, wird knapp eine Million Franken ausbezahlt. Aus irgendeinem Grund war das aber bislang immer nur in St. Gallen der Fall – die Leute fragen sich da natürlich schon so langsam, ob das auch mit rechten Dingen zu geht (lacht). Aber es ist eben der Zufall, der hier eine entscheidende Rolle spielt. Auch wenn die Kugel beim Roulette fünf Mal auf Rot fällt, heisst das nicht, dass sie beim sechsten Mal auf Schwarz kommen muss. Die Wahrscheinlichkeitsverteilung ist jedes Mal dieselbe!

Wieviele Personen beschäftigen Sie insgesamt?
Derzeit arbeiten knapp 200 Personen für uns, die meisten in Voll- , einige aber auch in Teilzeit.

Wie sehen denn die Umsatz-Erwartungen für 2014 aus? Können Sie da schon Zahlen nennen?
Ja. Wir sind besser als im Vorjahr und rechnen mit ca. CHF 60 bis 70 Millionen – auch wenn man da jetzt noch etwas vorsichtig sein sollte. Das Geschäft lebt eben auch massgeblich vom Glück oder Pech der einzelnen Spieler und ist daher immer wieder starken Schwankungen ausgesetzt.

Was gibt es bezüglich Kleiderordnung im Casino Zürich zu beachten? In St. Gallen soll das Ganze ja etwas lockerer gehandhabt werden als bei Ihnen…
Das ist tatsächlich ein ewiges Thema für uns, auch im Theaterbereich wurde und wird da viel drüber diskutiert! Mein Vorgänger hat die Kleiderordnung aber bereits etwas gelockert. Wenn also jemand nur im T-Shirt zu uns kommt, verweigern wir im nicht den Einlass. Kurze Hosen und Flip Flops sind allerdings weiterhin nicht gern gesehen. Ich kann natürlich verstehen, wenn man sich im Sommer etwas luftiger kleiden will. Aber man muss eben auch die Leute verstehen, die sich extra für unser Casino fein machen und sich dann ein wenig komisch vorkommen, wenn Sie auf ganze Touristengruppen in Sandalen treffen. Zugegeben, wir sind in dieser Frage manchmal auch ein wenig ratlos, da man es kaum jedem Recht machen kann.

Aber es kommt doch sicherlich immer noch vor, dass Sie bestimmte Gäste abweisen müssen?
Ja, aber das wird weniger. Neulich hatten wir zum Beispiel einen Kunden, der in zerrissenen Jeans zu uns kam. Nachdem ihm der Eintritt zunächst verwehrt wurde, argumentierte er, dass dies modische Designer-Jeans für CHF 600 seien und er nicht einsehe, damit abgewiesen zu werden, während andere in weitaus billigeren Anzügen keine Probleme bekämen. Wir haben ihn dann natürlich gewähren lassen. Sie sehen aber: Es wird heutzutage immer schwieriger, die Grenzen in Sachen Mode und Einkommen verwischen zunehmend…Mittlerweile fahren wir aber ganz gut damit, es im unteren Stock etwas lockerer angehen zu lassen, während den Kunden im oben der etwas edlere Bereich zur Verfügung steht. Es würde wohl aber auch niemand auf die Idee kommen, in Flip Flops in die Kronhalle zu kommen. Und wenn doch, bekommt er recht schnell mit, dass er da etwas deplatziert wirkt…Ich möchte allerdings betonen, dass unser Haus nicht nur bei Leuten im oberen Einkommenssegment gut ankommt. Auch Menschen aus den unteren bis mittleren Einkommensschichten kommen sehr gerne zu uns und fühlen sich hier absolut wohl! Was wir in der Zukunft auch vermehrt anbieten wollen, sind Motto-Events, bei denen die Leute dann beispielsweise alle in Kostümen aus den 1930er Jahren zu uns kommen sollen. Hier wird der Dresscode dann für alle zum puren Vergnügen!

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag denn jetzt eigentlich genau aus?
Ich komme wie jeder Andere ganz normal am Morgen ins Büro. Da das Hauptgeschäft bei uns am Abend stattfindet, ist es morgens schön ruhig und geradezu ideal zum Arbeiten. Es geht dann natürlich vor allem um administrative Aufgaben. Am Nachmittag und Abend kommt dann die Zeit, wo wir uns auf dem «Floor» zeigen, das heisst also im Casino herumgehen und uns mit den Leuten unterhalten. Wir haben da so ein Club-Karten-System mit drei Abstufungen: Rot, Gold und Schwarz. Gerade mit jenen Kunden, die im Besitz einer schwarzen Karte sind, versuchen wir, den persönlichen Kontakt zu pflegen. Natürlich schauen wir dann auch nach dem Rechten und erkundigen uns bei unseren Mitarbeitern, ob bei ihnen alles ok ist usw. Es ist uns sehr wichtig, dass sich auch unser Personal wohlfühlt und mit viel Engagement bei der Sache ist. Ihre Arbeit wird wertgeschätzt werden, sowohl von uns auch als von unseren Kunden. Auch der Aussenkontakt zu anderen Institutionen ist natürlich sehr wichtig für uns. Ich bin zwar nicht der Typ, der auf allen Apéros anwesend sein muss, interessiere mich aber trotzdem stark für neue Projekte und Kooperationen.

Ist der Incentive-Bereich für Sie auch ein wichtiges Standbein?
Ja, das ist definitiv so. Den Bereich Geschäftsanlässe oder Gruppenveranstaltungen werden wir in Zukunft auch noch stärker ausbauen. Für die nächste Zeit sind einige Events geplant, bei denen die Leute neben einem guten Essen auch noch eine Einführung ins Glücksspiel geboten wird. Diese sind dann im Package für einen Pauschalpreis zu haben, die Gruppengrösse müssen wir allerdings aufgrund unserer begrenzen Platzangebots auf jeweils ca. 40 Personen beschränken. Das ist für uns natürlich auch eine gute und günstige Gelegenheit, Werbung zu machen und den ein oder anderen an unser Haus zu binden.

Wo sehen Sie das Casino in fünf oder zehn Jahren?
Wie bereits erwähnt, befindet sich die ganze Welt derzeit in einem Umbruch, was auch den Casino-Markt nicht unberührt lässt. Das Spielbankgesetz und die vielen neuen Online-Angebote machen das Geschäft nicht gerade einfacher. Die nächsten 10 Jahre werden also noch viele Veränderungen mit sich bringen, im Jahr 2023 müssen wir etwa wieder eine neue Lizenz beantragen. Insgesamt ist für uns also ein «mind change» notwendig, das Casino der Zukunft muss zu einer Art Entertainment-Box werden. Wie im Theater findet auch bei uns eine Show statt, die sowohl den «consumer», also den regelmässigen Stammspieler, als auch das sich immer wieder verändernde Ausgangspublikum überzeugen muss. 90 % unseres Publikums kommen nur ein oder zwei Mal pro Jahr zu uns, das ist der Markt, auf den wir setzen. Von den regelmässigen Spielern haben wir nur ca. 4000, von ihnen ist also kein grosser Gewinn zu erwarten.

Worüber könnten Sie sich ärgern?
Da ich bereits schon öfter für den Staat gearbeitet habe, weiss ich natürlich um die Wichtigkeit gewisser staatlicher Regulierungen. So einen hohen Grad an Regulierung, wie wir ihn heute vorfinden, habe ich allerdings noch nie erlebt. Gerade die eidgenössische Spielbankkommission, die bei uns die Aufsicht hat, macht uns in Sachen Auflagen sehr zu schaffen. Auch was interne Promotionen o.ä. angeht, muss immer von Bern aus mit einer Verfügung genehmigt werden. Selbst einen Spielautomaten dürfen wir nur dann um einen Meter nach rechts verschieben, wenn wir uns vorher in Form eines Gesuchs an die zuständige Behörde gewandt haben. Das ist alles schon sehr zeitaufwändig und natürlich auch teuer! Ich bin ein liberal denkender Mensch und der Überzeugung, dass ein Casino keine politisch relevante Institution ist. Ein bisschen mehr Laissez-Faire-Politik würden wir uns daher manchmal schon wünschen.

Was wollten Sie denn Kind werden, hatten Sie so etwas wie einen Traumjob?
Also als Jugendlicher wollte ich Philosoph oder Künstler werden, daran kann ich mich noch erinnern. Es kam dann aber doch alles etwas anders (lacht). Ich hätte beispielsweise – vermutlich eben so wenig wie meine ehemaligen Prüfer – nie damit gerechnet, dass ich einmal Stabschef vom Stadtpräsidenten werden würde. Das hätte ich früher total langweilig gefunden! Auch, dass ich einmal kaufmännischer Direktor eines Theaters oder Casinodirektor werden würde, hätte ich mir wohl früher kaum träumen lassen.

Wie erholen Sie sich vom Stress?
Ich filme privat gerne und treibe viel Sport. Das Segeln ist zum Beispiel eine meiner grossen Leidenschaften! Auch mit der Familie unternehme ich sehr viel, wir sind oft zusammen in unserem Haus im Jura, wo wir auch ein Stück Land haben und ich meine zweiten grossen Leidenschaft, dem Whisky-Brennen, nachgehe. Aber ich bin auch nach wie vor auf vielen kulturellen Events wie Theaterveranstaltungen usw. anzutreffen.

Gibt es denn eine Persönlichkeit, die Sie in Ihrem Leben noch einmal gern treffen würden?
Ja, leider sind die aber alle schon tot! Ich war schon immer sehr beeindruckt von Persönlichkeiten, die die Menschen emotional mitnehmen oder für ein grosses Projekt begeistern können. Nelson Mandela oder Ghandi wären da etwa zwei prominente Beispiele. Die Zukunft für alle positiv gestalten, das ist für mich das Entscheidende!

Wenn Sie die Stadt Zürich als Person beschrieben müssten, wie würden Sie das machen?
Ich würde sie als eine sehr moderne und hippe Person beschreiben, die sich vor anderen «Persönlichkeiten» wie New York oder London nicht zu verstecken bräuchte. Gerade in Bezug auf die geistige Flexibilität kann sich Zürich weltweit nicht nur sehen lassen, sondern ist vielleicht sogar eine Art «leading person», ein Trendsetter.

Vor kurzem wurde der «George-Grill» in der Sihlstrasse neu eröffnet. Wie entwickelt sich dieser Betrieb gerade
Das Restaurant George hatte einen sehr guten Start und läuft auch nach wie vor sehr gut – trotz der ja etwas schwierigen und teuren Lage auf dem Dach. Aber die Leute haben es gut angenommen und wissen die gemütliche Lounge-Atmosphäre schon zu schätzen. Wir haben das George auch ganz bewusst als eigenständigen Betrieb etabliert, und nicht einfach nur als ein Restaurant, das eben irgendwie zum Casino gehört. Entertainment wird hier gross geschrieben – und wir sind stolz, dass wichtige Kooperationspartner wie das Filmfestival Zürich immer wieder gerne hier herkommen!