Der Bieler Architekt Max Schlup (1917–2013) gehörte zu den Hauptprotagonisten der so genannten «Solothurner Schule». Diese informelle Gruppe von Architekten, die ihre Büros zwischen 1945 und 1990 in und um Solothurn betrieben, sind bekannt für ihre ­reduzierte Architektursprache, die Vorliebe für Stahl- und Glaskonstruktionen und die gestalterische Verwandtschaft zu Ludwig Mies van der Rohe, einem der wichtigsten Schöpfer der Architektur der ­Moderne. Neben dem modernistischen Kongresszentrum hat Max Schlup in Biel auch das Gymnasium Strandboden gebaut und somit das Gesicht der Stadt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entscheidend mitgeprägt.

In Biel trennt das Geleisefeld des Bahnhofs das Stadtzentrum vom Seebecken, der rund 250 Meter breite Uferbereich ist grösstenteils eine locker bebaute und stark durchgrünte Parklandschaft, etwas abseits des urbanen Treibens. Vom Gymnasium mit dem passenden Namen Strandboden sind es tatsächlich nur ­wenige Schritte bis zum Seeufer. Der Schulhauskomplex liegt an der Schüss, dem kleinen Fluss, der auf dem Weg zu seiner Mündung Biel in einem schnurgeraden Kanal durchquert. Das Gymnasium Strandboden entstand von 1976 bis 1980 auf der grünen Wiese. Architekt Max Schlup konzipierte die Anlage als drei unterirdisch verbundene Pavillons im Park; drei freistehende dreigeschossige Volumen stehen auf einem gemeinsamen Untergeschoss. Sie gruppieren sich auf der rechten Seite der Schüss locker um einen Pausenhof. Über eine Brücke ist die Sporthalle am gegenüberliegenden Flussufer erschlossen.

Schützenswerter Zeitzeuge
Mit der Kantonalisierung sind die Gymnasien von der Stadt Biel im Baurecht in das Liegenschaftsportfolio des Kantons Bern übergegangen. Durch eine Bestandesaufnahme wurden an der Schulanlage Strandboden verschiedene Mängel festgestellt. So wiesen die klimatisierten Klassentrakte mit ihren geschlossenen Fassaden und dem innen liegenden Sonnenschutz einen unverhältnismässig hohen Energieverbrauch auf. Die Haustechnikanlage und die Gebäudehülle erreichten das Ende ihrer Lebensdauer oder hatten sie bereits überschritten, Sicherheitsstandards waren nicht mehr gewährleistet.

Aus diesem Grund wurden die bestehenden Schulbauten umfassend saniert und baulich angepasst. Zudem wurde die 27’414 m2 grosse Anlage durch einen Neubau auf der linken Seite der Schüss ergänzt. Dadurch liessen sich neben dem Gymnase français de Bienne die beiden vor sechs Jahren zum Seeland Gymnasium fusionierten Schulen «Deutsches Gym­nasium» und «Gymnasium Linde» örtlich ­zusammenlegen. Der Erweiterungsbau, geplant von der Brügger Architekten AG aus Thun, ist ein Ingenieurholzbau mit drei Obergeschossen im Minergie-P ECO-Standard, in dem sich 25 modern ausgestattete Unterrichtsräume und Labors für die Naturwissenschaften befinden. In den zwei Untergeschossen sind eine Velohalle sowie die Haustechnik untergebracht. Der Erweiterungsbau bezieht sich in Stil und Anordnung auf die Anlage von Max Schlup.

Die Sanierung der bestehenden Bauten gab Anlass zu angeregten Diskussionen. Zwar bestand Einigkeit, dass die Anlage in ihrem bisherigen Erscheinungsbild erhalten bleiben soll, doch bei der Frage nach der Tiefe der Eingriffe und der Interpretation des«Erhaltens» gingen die Meinungen auseinander. Ist ein Gebäude, das auf den Rohbau reduziert und anschliessend neu aufgerüstet wird, noch ein «Original»? Der Berner Heimatschutz, Regionalgruppe Biel-Seeland und ein Komitee«Rettet den Gymer Strandbode» kämpften für einen behutsameren Umgang mit dem Komplex. Es wurde ein Rekurs eingelegt, den das zuständige Regierungsstatthalteramt Biel jedoch abwies. Doch die Verantwortlichen waren sensibilisiert; das Bewusstsein, Hand an einen wichtigen Bauzeugen zu legen, begleitete die ganze Umsetzung des Projektes, das Raum für 1200 Gymnasias­tinnen und Gymnasiasten bietet. Für die Sanierung der bestehenden Schulbauten wurde ein Architekturwettbewerb durchgeführt, den Maier Hess Architekten aus Zürich gewonnen haben. Maier Hess Architekten zeichneten für die Gestaltung des Fassadenkonzepts, die Erstellung der TU-Submissionsunterlagen des Architekturteils sowie für die gestalterische Leitung während der Ausführung verantwortlich. Mit der Ausführungsplanung wurden die Architekten Schwaar & Partner AG aus Bern betraut.

Vielseitige Anforderungen
Der Bauablauf wurde in Etappen organisiert. Die Arbeiten begannen 2013 mit der Errichtung des Neubaus und ab Frühjahr 2014 mit der Sanierung der bestehenden Bauten. Insgesamt dauerten diese bis im Sommer 2016. Die Regie führte die Zürcher Totalunternehmung Steiner AG, die im Juni 2013 mit der Bauherrschaft einen TU-Werkvertrag abschloss. Steiner erhielt die Aufgabe, die drei bestehenden Schulbauten vollständig und die Sporthalle teilweise zu sanieren, den Erweiterungsbau zu realisieren und die Energieversorgung des gesamten Komplexes zu modernisieren.

Die bestehenden Gebäude wurden bis auf das Stahlskelett zurückgebaut und anschliessend – soweit möglich – in das originale Erscheinungsbild zurückgeführt. Besondere Aufmerksamkeit benötigte dabei die Fassade, eine Neuentwicklung, die Steiner in enger partnerschaftlicher Zusammenarbeit mit den Architekten umsetzte. Die Stahlteile ersetzte man durch solche aus Aluminium. Die neu eingesetzten dreifach verglasten Fenster sind hinter einer Prallscheibe angeordnet. Sie lassen sich kippen und sind elektrisch steuerbar. Der Sonnenschutz, Rafflamellenstoren, wurde von der Innen- auf die Aussenseite verlegt. Die Lisenen, die ursprünglich 60 mm kürzer als die Brüstung und der Sturz waren, besitzen nun die gleiche Höhe wie die Abschlüsse. Auch sind sie nicht mehr durchgehend, sondern jeweils in zwei Elemente mit einer Fuge von 20 mm unterteilt. Auch die Befestigungstechnik der Lisenen wurde geändert: an Stelle einer neunfach verschraubten Befestigung mit Flacheisen und Fusspfetten sind durchgehende Aluminiumbleche mit Fräsungen zum Einsatz gekommen.

Die Wärmeenergie für die gesamte Anlage wird künftig durch eine im Erweiterungsneubau installierte Holzfeuerung mit Gaskessel produziert. Konvektoren geben die Wärme an die Räumlichkeiten ab, wobei das Verteil- sowie das Wärmeabgabe­system hierfür komplett erneuert wurden. Zur Klimatisierung trägt zudem die Wärmerückgewinnung der Lüftungsanlagen mit Kältekreislaufverbundsystem bei. Dazu wurden Platten- und Rotationswärmetauscher eingebaut. Das Luftverteilsystem ist komplett neu in die abgehängten Decken integriert worden. Der Erweiterungsneubau trägt das Energielabel Minergie-P ECO, die sanierten Gebäudeteile streben die Zertifizierung Minergie Standard Neubau an.

Nicht nur die Entwicklung und Realisierung des Projektes auf dem Strandboden waren eine Herausforderung, auch für den Bauablauf hatte der Totalunternehmer sein ganzes Können aufzubieten. So verdiente der Grundwasserspiegel beim unterkellerten Gebäudekomplex in Fluss- und Seenähe eine besondere Beachtung. Zudem musste während der Bautätigkeiten der ganze Schulbetrieb – teilweise in Provisorien – aufrechterhalten werden. Trotz diesen nicht alltäglichen Umständen konnte die Steiner AG dieses umfangreiche Projekt pünktlich und innerhalb des gesetzten Kostenrahmens umsetzen.

www.steiner.ch